Bestimmbares Sein

Identifizierte Wirklichkeit als das, was "ist", nämlich Welt, Ereignis, Intersubjektivität und Subjektivität ,kann von jeder ihrer Bedingungen der Möglichkeit her näher bestimmt werden. Als die gedachte Synthese ihrer transzendentalen Voraussetzungen ergiebt sich die Seinsbedeutung, die allen Bestimmungsaspekten gemeinsam ist.

Wie kann identifizierbare Wirklichkeit bestimmt werden?

Indem wir uns auf das stützen, als was Wirklichkeit etwas Wirkliches für uns ist. Was auf diese Weise "ist", kann genauer bedeutet werden.

Sind Wirklichkeitsbedeutungen nicht selbst schon Identifikationen, mithin Seinsbestimmungen?

Wirklichkeitsbedeutungen sind insofern schon Seinsbestimmungen, als es sich in der Tat um Bedeutungszuschreibungen handelt. Mit "Sein" bezeichnen wir ja eben die gedachte Einheit möglicher Wirklichkeitsbedeutungen. Indem Wirklichkeitsbedeutungen aber zugleich auch die unhintergehbaren Bereiche meinen, innerhalb derer Wirklichkeitsidentifikationen möglich sind, handelt es sich um so einen weiten Bedeutungsspielraum, daß Identifikationen immer nur ihren Bezug, noch nicht aber ihre mögliche Eindeutigkeit finden können.

Was Welt, Ereignis, Intersubjektivität und Subjekt sind kann also nur bedeutet, nicht ausgewiesen werden?

Wenn Ausweisen heißt: Sagen, was etwas ist. Weltlichkeit, Ereignishaftigkeit usw. sind in der Tat noch nichts Bestimmtes, sie bilden nur den äußersten Rahmen, inerhalb dessen Bestimmtheit sich als etwas in der Welt oder ein eigenständiges Ereignis bilden kann. Als vorgegebener Rahmen für Bestimmbarkeit handelt es sich um Wirklichkeitsbedeutungen, als der Boden, auf dem Bestimmbarkeit möglich ist, haben wir es mit etwas zu tun, das im weitesten Sinn "ist".

Bedeutungen sind also Bedingungen der Möglichkeit für Sein.

Bedeutungen sind unmittelbar mit der Wirklichkeit verknüpft. Jede Pflanze, jedes Tier hat seinen spezifischen Bedeutungsbezug zur Wirklichkeit, auch wenn sie nicht in der Lage sind, Seinsfeststellungen zu machen. Wirklichkekitsidentifikationen sind nur möglich bei vorausliegender intersubjektiver Bedeutungswelt, innehralb derer Feststellungen getroffen werden.

Bestimmung von Wirklichkeit und Seinsbestimmung unterscheidet sich also grundsätzlich?

Bestimmung von Wirklichkeit ist Aufweisen eines Bedeutungsfeldes, Bestimmung von Sein Fixierung von Bedeutungen im Bedeutungsfeld.

Sind die Bedeutungsfelder die Bedingungen der Möglichkeit für Seinsbestimmungen?

Sie sind Grenzen, innerhalb derer Seinsaussagen gemacht werden und die gleicherweise erinnert werden müssen, wenn das Sein als identifizierbares Wirkliches überhaupt nicht aus den Augen verloren und verwechselt werden soll mit etwas bestimmt Identifizierten, das auch Sein ist, aber als ein Besonderes und kein Allgemeines.

Wie behauptet sich in der Seinsbestimmung das Allgemeine gegen das Besondere?

Wenn man z.B. davon ausgeht, daß "Sein" subjektiv immer an ein bestimmtes Seinsverständnis gebunden ist, um etwass bestimmtes bedeuten zu können, dann sollte man dabei nicht vergessen, daß es auch noch das weltliche, ereignishafte und intersubjektive Bedeutungsfeld von Wirklichkeit gibt, mit denen sich ein Seinsverständnis auseinandersetzen muß, dem es um "das Sein" und nicht nur um sein eigenes privates zu tun ist.

Was muß das Seinsverständnis beachten, um nicht vordergründig zu bleiben?

Daß Sein in der Welt immer alles Sein meint, nicht nur das subjektiv gemeinte oder zufällig angetroffene, daß Sein als Ereignis stets eine zeitliche Horizontgrenze meint, innerhalb derer Sein antreffbar ist, und daß schließlich intersubjektiv Sein geltungsmäßig nicht mehr bedeuten kann, als was transzendental in dem Wörtchen "Ist" steckt.

Und was steckt transzendental in dem Wörtchen "Ist"?

Die intersubjektive Seinshaftigkeit von Sein zeigt sich in dem, als was Sein im weitesten Sinn überhaupt sein kann. Das Sein des Seins zeigt sich in den Wirklichkeitsbedeutungen, die das "Ist" annehmen kann: Es kann einfach nur eine Identität mit sich selbst behaupten, wie es in der Copula (A=A) zum Ausdruck kommt. Es kann aber auch eine Prädikation bedeuten (Der Wagen ist grün), eine Existenzbehauptung (Er " ist"- da), eine Gewißheitsversicherung (Es ist so) und schließlich eine klassifizierende Zuordnung (Der Mensch ist ein Lebewesen). Diese möglichen Bedeutungen des "Ist" entsprechen natürlich den denkbaren transzendentalen Wirklichkeitsbedeutungen.

Und was wäre dann der transzendentale Sinn von Sein?

Der wäre das, was im jjeweiligen subjektiven Seinsverständnis als alles Sein und historisch bedingte Seinsgrenze innerhalb der Bedeutungsmöglichkeiten von "Ist" als Sein gedacht werden kann.

Kann man diesen Sinn von Sein noch näher angeben?

Für das Seinsverständnis ist dieser Sinn von Sein nicht vorgegeben, sondern muß verantwortet werden. Alles Sein ist insofern subjektiv immer Verantwortung. Intersubjektiv ist der Sinn von Sein das jeweils Identische. Auch Intersubjektiv ist das Sein nicht gegeben, sondern muß korrekt dargestellt werden. Ereignishaft ist das Sein das Insgesamt alles Möglichen. Ereignishaft hat Möglichkeit die qweitere Bedeutung denn Notwendigkeit, weil alles Notwendige einmal möglich gewesen ist. Und weltlich ist das Sein das Insgesamt der Schöpfung. Die Bedeutung von Schöpfung ist weiter als die von Realität, weil in ihr auch noch die Herkunft mitgedacht wird, über die wir bei allem Weltlichen spekulieren können.

Und was meinen wir jetzt mit Sein als das Insgesamt von Schöpfung, Möglichkeit, Identität und Verantwortung?

Es ist das, als was uns Sein unter den genannten Vorgaben bestimmbar unterschieden ansichtig wird. Das Sein ist als Schöpfung in seinen Möglichkeiten, dieses und jenes Identische, es ist so und so und muß von uns verantwortet wderden. Dieses Sein ist das Sosein.

Sein ist also immer Sosein?

Wenn wir genauer hinschauen, dann erscheint uns alles, was ist, als so und so bestimmt und unterschieden voneinander. Sein ist nur unterschieden vom Wirklichen. Das Sein als Sein aber ist unterschieden von sich selbst als es selbst. Identisches Sein ist Sosein.

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

HISTORISCHES:

Seitdem Parmenides das Sein mit der Wirklichkeit gleichgesetzt hat und das Nichtseinkönnen leugnete, war Seinsbestimmung angesagt: Was für die Vorsokratiker und Pythagoräer noch die Frage nach der Einheit der Natur war, die einmal stofflich und einmal strukturell beantwortet werden konnte, verwandelte sich nun zur Frage nach dem als was, wie und wodurch alles das ist, was es ist.Weil dabei aber von Anfang an Sein nicht eindeutig von Wirklichkeit und Wahrheit unterschieden wurde, kam es zu keiner Klarheit über das, was Seinsbestimmung ist. Einerseits explizierte man auf der Suche nach Erkenntnis Wirklichkeitsbedeutungen, so als handle es sich um Analysen dessen, was "ist", andererseits erläuterte man auf der Suche nach Gewißheit Wahrheitsparadigmen, deren normativen Implikationen es durch Seinsexpositionen zu untermauern galt. Mit der Ausbildung der formalen Logik verlor der Anspruch einer umfassenden Seinsbestimmung dann in dem Maße an Gewicht, indem die Seinsfrage sich in eine schlichte Identitätsfrage verwandelte und als Gegenstand syllogistischer Untersuchungen und spezifischer Begriffsverallgemeinerungen zu einer Fachdisziplin degenerierte, von der man keine Entscheidungen mehr erhoffte, nur noch Entscheidungshilfen. Im Anschluß an Aristoteles war es dabei zwar üblich, immer wieder auf letzte Kategorien zurückzugreifen, aber weder gelang es jemals, deren logischen Status noch deren Unhintergehbarkeit jemals zweifelsfrei zu begründen.

Seinsbestimmung wurde also von den umgreifenden Wirklichkeitsbedeutungen her in einem Erkenntniszusammenhang naiv entweder als Weltauslegung betrieben, so von Aristoteles und den großen antiken Philosophenschulen bis hin zu allem späteren wissenschaftlich orientierten Philosophieren. Oder es wurde seit dem Christentum bis hin zum späteren Historismus mit der Auslegung einer Offenbarungssituation gleichgesetzt, die eschatologische Erwartungen spekulativ zu begründen hatte. Subjektiv wurden Glaubensüberzeugungen "seinsbestimmend" gestützt und intersubjektiv logische und grammatikalische Voraussetzungen auf ihren "Istzustand" geprüft. Meistens wurde dabei eine bestimmte inhaltliche Wahrheitsvorstellung paradigmatisch unterstellt, bis schließlich nach Malebranches das Wahrheitsthema langsam Einzug in die Philosophie hielt. Mit der Ausformulierung der reinen logischen Wahrheit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts nach Frege und dem frühen Wittgenstein gelangte die analytische Philosophie auf der Suche nach Gewißheit zu der nicht mehr hinterfragten Grundüberzeugung, daß sich Seinsbestimmung, wenn überhaupt, nur noch im Blick auf mögliche wahre Aussagen darchführen lassen kann. Sogar die Diskursphilosophie eines Jürgen Habermas bewegt sich noch ganz in dieser Tradition um den Preis, Wirklichkeit vorurteilslos zu begegnen, die transzendentale Frage konsequent zu stellen und Sein unvermischt zu unterscheiden. Denn wenn das Sein von Wahrheit her vorverstanden wird, läßt sich das Sein der Wahrheit nicht mehr von sich her "in Wirklichkeit" klären. Denn die Wahrheit selbst ist etwas Wirkliches und nicht etwa umgekehrt die Wirklichkeit selbst etwas Wahres!

Der Vorrang der Wahrheit gegenüber der Wirklichkeit in der Seinsbestimmung durchzieht implizit alle große Philosophie seit Parmenides, die der Seinsfrage nicht ausgewichen ist. Platons Dialektik bestimmt Sein als die wahre Wirklichkeit von Ideen, nicht als die ideelle Wahrheit von Wirklichkeit. Indem es Platon um die wahre Erkenntnis geht, geraten ihm Seinsbestimmungen zur Erhellung von Ideen, deren Ursprung erinnert werden und deren Wirklichkeit in der Ursprünglichkeit von allgemeinen Urbildern wurzelt, gleichsam zum vorgegebenen Wahren, dem sich das sinnlich je Besondere lediglich fügt. Immerhin aber hat Platon in seinem "Parmenides" gezeigt, daß er die Wirklichkeit der Idee nicht mit der Idealität ihrer Wahrheit verwechselte und sehr wohl in der Lage war, die Wahrheitsfrage argumentativ so offen wie möglich zu halten. Und Platon wußte auch noch, daß die Wahrheit es mit einer Wirklichkeit zu tun hatte, die in letzter Instanz göttliches Geheimnis ist: Die Ideen waren für Platon niemals identisch mit der Wirklichkeit selbst, sondern eben deren Urbilder!

Indem Kant nach Platon als erstem wieder die eigentliche Wirklichkeit grundsätzlich zu etwas Unerkennbarem wird, orientiert er sich an apriorischen Erkenntnisvoraussetzungen, die aus Urteilsmöglichkeiten überhaupt abgeleitet werden. Obwohl Kant Wahrheit noch nicht thematisierte - sie galt ihm problemlos als Übereinstimmung der Erkenntnis mit ihrem Gegenstand - , dienten ihm die aus letzten Urteilsmöglichkeiten abgeleiteten Verstandeskategorien als die Prämissen, denen sich alles Erkennbare fügen muß. Alles Erkennbare ist aber auch für Kant alles, was "ist", auch wenn ihm dieses "Ist" nicht als Sein zum Substantiv gerät. Obwohl Kant also weder Wahrheit noch Sein direkt bestimmt, so gerät ihm die transzendentale Analytik der Erkenntnis doch zu einer Seinsbestimmung ( Bestimmung all dessen, was erkannt werden kann), die sich unausgesprochen an einem korrespondenztheoretischen Wahrheitsverständnis orientiert, insofern Wahrheitsmöglichkeiten von Urteilen der Garant für die Bedingungen der Möglichkeit von etwas Wirklichem waren. Hegel wird bald darauf Kants Erkenntnisgewißheit in Zweifel ziehen, indem er das zugrundeliegende Wahrheitsverständnis von einem absoluten Standpunkt her hinterfragt: Seinsbestimmung hört bei ihm auf, kategoriale Möglichkeiten zu beschreiben und wird zur Entfaltung eines Reflexionsprozesses, dessen Wirklichkeit gewußt antizipiert wird und dessen Wahrheit sich einfach auf je hören Seinsstufen dialektisch repproduziert. So wie die Substanzen des Aristoteles einmal Platons Ideen mit der Wirklichkeit selbst verwechselten und dabei für sich wahrheitsmäßig den Satz des Widerspruches in Anspruch nahmen, so die Seinserscheinungen Hegels Kants transzendentale Erkenntniskategorien, indem der Satz des Widerspruches außer Kraft gesetzt wurde, um einer dialektischen Eigendynamik Platz zu machen, die von dem spekulativen Gedanken getragen wurde, nicht mehr vom Verlangen nach intersubjektiver Evidenz.

Im Widerstand gegen Hegels Idealismus war von Seinsbestimmung bald keine Rede mehr: Die Wissenschaften entwickelten Theorien und bestimmten Objekte, der Neukantianismus beschrieb Erkenntnis und systematisierte Erkenntnisvoraussetzunge und. der neueren Lebensphilosophie nach Schopenhauer und Dilthey ging es ohnehin nicht um das, was "ist", sondern um das, was erlebbar ist und gelebt werden soll. Als das neue Seinsdenken nach der phänomenologischen Revolte gezwungen wurde, sich genauer auszuweisen, stellte sich schnell heraus, daß die phänomenale Grundlage von Wirklichkeit als Sein nur bestimmbar war, wenn ein bestimmtes Wahrheitsverständnis unterstellt wurde. Aber welche Wahrheitstheorie war die gültige? Die Wahrheit, wie Edmund Husserl es versuchte, selbst als ein Phänomen zu behandeln, mußte da in einen Zirkel der Evidenzen führen. Nicolai Hartmann glaubte, diesen Zirkel innerweltlich unterlaufen zu dürfen, indem er das Wahre als durchgängige Strukturen der Realität deutete, denen Wirkliches gleicherweise wie Unwirkliches, (dessen logische Sinnwidrigkeit "phänomenologisch" gar nicht bemerkt wurde), nachgeordnet waren. Als Karl Jaspers seine Existenzerhellung mit einer "Philosophischen Logik" die fällige Seinsbasis zu verschaffen suchte, geriet diese ihm unter der Hand zu einer Analytik von Wahrheitsursprüngen. Seinsbestimmung blieb für Jaspers Bewußtseinsanalyse, Sein war so undifferenziert wie unausgesprochen "wahres Sein" und der Titel der Philosophischen Logik lautete dementsprechend folgerichtig "Von der Wahrheit".

Martin Heidegger schließlich zog die letzte Konsequenz aus dem phänomenologischen Grundansatz, wenn er in seiner Spätphilosophie Wirklichkeit ganz direkt nicht nur mit Sein, sondern auch mit Wahrheit zusammendenkt: Die Wirklichkeit ist ein Seinsgeschehen, das von sich selbst her entbergend und verbergend Wahrheit (aletheia = Unverborgenheit) stiftet. Was Sein logisch und grammatisch bedeutet, hat Heidegger nie interessiert, wie ihm gegen Ende seines Denkweges Kahn und Tugenhat sehr harsch vor Augen gehalten haben. Seinsbestimmung ist für den späten Heidegger Seinsgeschick, dem sich die Sterblichen in Gelassenheit zu fügen haben, weil es ohnehin alle subjektiven Intentionen und Handlungen, auch solche, wie sie einmal "Sein und Zeit" als eigentliches Seinkönnen postulierte, dominiert. Indem sich Heidegger (nicht weniger übrigens als Adorno) grundsätzlich gegen das identifizierende Prinzip der Logik wendet, bleibt er den Phänomenen, so wie er sie als das Sein des Seienden insgesamt geschichtlich denkt, treu. Leider gibt es in diesem Denken keine Möglichkekit mehr, zwischen Wirklichkeit, Sein und Wahrheit zu unterscheiden. Wenn sich die Wirklichkeit des Seins vielleicht noch als die Unhinterfragbarkeit von Sein (und Nichts) erläutern ließe, dann bleibt doch das Sein der Wirklichkeit ganz unbestimmt: Ist es die Technik, als welche die Wirklichkeit gegenwärtig durch das herrscht, was "ist", nämlich das "Gestell"? Und wenn das Sein der Wahrheit der späten Hochwertung der Ereignishaftigkeit entsprechend Unverborgenheit ist, dann gibt es für die Wahrheit des Seins buchstäblich kein Kriterium mehr: Heidegger hat "in Wahrheit" die Wahrheit abgeschafft, um sie nach Belieben für das Seinsdenken instrumentalisieren zu können. Dieses Seinsdenken verwechselt Wirklichkeit mit Sein und kann es deshalb zu keinen intersubjektiv evidenten Seinsbestimmungen mehr bringen.

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

 

 

 

 

 

 

 

 

 


home | Begriffssystem | Kommentare | e-mail | WIRKLICH-FORUM
Letzte Änderung dieser Seite: 20.06.2003